Der Humanist und Reformator Simon Grynaeus (1493-1541) Grynaeus

Einführung in sein Leben und Werk

 

 

 

 

Einführung

Wie allgemein in weltberühmten Kathedralen, lassen sich auch im Basler Münster die Epitaphe vieler berühmter Gelehrter finden, zum Beispiel auch das von Erasmus von Rotterdam. Er schrieb das Vorwort zu der 1531 in Basel bei Johannes Froben, unter der Obhut von Grynaeus erschienenen Livius Ausgabe. Es ist genauer ein an Charles Blount verfaßter Brief, in dem er Grynaeus als einen Mann bezeichnet: der ohne Übertreibung in allen Sprachen des Altertums gebildet ist und dazu berufen die edlen Wissenschaften aufblühen zu lassen.

Die ungarische Kirchengeschichte bezeichnet den aus der ehemaligen Grafschaft Hohenzollern stammenden Humanisten als den ersten, der in Ungarn die Lehren der Lutherischen Reformation verkündete. Zwar ist seine Person nicht in dem Ausmaß bekannt geworden wie die Luthers, Melanchthons, Calvins und anderer Reformatoren, aber dennoch spiegelt sein Leben uns sein Werk sehr gut wider, daß unter den Reformatoren auch er einer derjenigen ist, der zur Verbreitung der Reformation und zur Erneuerung des Evangeliums beigetragen hat. Gleichzeitig ist sein Lebenswerk ein gelungenes Beispiel dafür, wie es möglich sein konnte und möglich ist, in Frieden und Demut “hinter den Kulissen” für die Sache Gottes und das Evangelium zu wirken. Mit der vorliegenden Arbeit werden die wichtigsten Stationen seines bewegten Lebens verfolgt und einem solchen Humanisten, Übersetzer, Philosophen und Reformator ein Denkmal gesetzt, dessen Name in ganz Europa nicht durch Blut und durch das Schwert, sondern durch Wissen, Bildung, Weisheit, Bescheidenheit und Friedensliebe berühmt geworden ist.

I. Die Schweiz am Anfang des 16. Jahrhunderts

Schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts bildeten auf dem Gebiet der heutigen Deutschschweiz, aus dem Deutsch–Römischen Reich 13 kleine Gebiete einen Bund, die “Dreizehnörtige Eidgenossenschaft”, in der auch Basel seit 1501 Mitglied ist. Diese spezifische Verband lebte im wesentlichen seit seinen Anfängen in dem bis dahin sich über 300 Jahre hinweg herausgebildeten schwierigen System weiter.

Die Kantone – ein Ausdruck, der erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts gebräuchlich ist – sind: Schwyz, Uri, Unterwalden (1291), Luzern (1332), Zürich (1351), Glarus, Zug (1352), Bern (1353), Fribourg, Solothurn (1481), Schaffhausen, Basel (1501) und Appenzell (1513). Sie schlossen miteinander ein loses Bündnis, und jeder Kanton verfügte über eine Art Autonomie. Im Spätmittelalter waren die Schweizer in ganz Europa für ihre Söldner und ihren Handel berühmt. Obwohl das Niveau der allgemeinen Ausbildung im Gegensatz zu vielen anderen Ländern auf einer niedrigeren Stufe stand, hat sich die humanistische Strömung dennoch in den großen Städten verbreitet. Im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts fand diese besonders in der Stadt Basel eine Heimstatt. Die in Basel wirkenden Humanisten (Johannes Amerbach und sein Sohn, Bonifacius Amerbach, Johannes Froben, Erasmus von Rotterdam und Heinrich Glarean) verhalfen mit ihren Schriften der Kritik an den kirchlichen Verhältnissen und der Anprangerung der Mißstände der Reformation zum Sieg. Es ist kein Zufall, daß die Schweizer Reformatoren sich neben Luther hauptsächlich aus diesen humanistischen Quellen nährten. Die humanistischen Schriften verbreiteten sich in den großen Städten, wie Zürich, Basel und Bern aufgrund der sich verzögernden kirchlichen Reformen. Das Zentrum der Erneuerung war die Stadt Zürich und der Kanton Zürich, ihre Leitfigur Ulrich Zwingli (1484-1531). Die auf Zwingli zurückzuführende Reformation, die ihren Anfang im April 1522 mit den reformatorischen Schriften zur Fastenzeit nahm, begannen in den folgenden Jahren auch die anderen Kantonen zu übernehmen. In Basel wurde die Reformation am 9. Februar 1529 eingeführt. Johannes Oekolampad, der Hauptpfarrer zu St. Martin, brach für seine Anhänger mit hartnäckigem Auftreten den ihnen vom Rat der Stadt über lange Zeit entgegengesetzten Widerstand. Neben Zürich und Basel schlossen sich auch Bern, St. Gallen, Mühlhausen, Schaffhausen, Glarus und Appenzell der Glaubenserneuerung an, so daß bis 1530 die Hälfte des Gebietes der deutschsprachigen Schweiz protestantisch wurde.

II. Kindheit und Laufbahn der Studium

Grynaeus, dessen ursprünglicher Name Simon Griner lautete, wurde 1493 im Hohenzollern-Sigmaringischen Veringen (heute Veringendorf) geboren. Sein genaues Geburtsdatum ist uns leider nicht bekannt, da die älteste Kirchenbucheintragung in seinem Heimatdorf erst aus dem Jahre 1612 stammt. Ein zeitgenössisches Portrait und Kupferstichabbildungen geben das Jahr 1493 als sein Geburtsjahr an. Der Vater, Jakob Griner, war ein einfacher Bauer. Seine Mutter Anna brachte drei Söhne zur Welt: Jakob, Hans und Simon. Der 14jährige Simon, das mit geistigen Gaben gesegnete Kind, wurde in die berühmte Pforzheimer Lateinschule aufgenommen. Dort waren einer seiner Mitschüler zum Beispiel der vier Jahre jüngere Philipp Melanchthon, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, der in Rottweil geborene Berner Reformator Berthold Haller und Kaspar Hedio, der später an der Universität Basel sein Kollege wurde. Unter seinen Lehrern befanden sich die auf Reuchlins Empfehlung hin berufenen, von Konrad Celtis und Jacob Wimpfeling inspirierten Georg Simmler und Johannnes Hiltebrant. Der Spriritus rector der Pforzheimer Lateinschule, der ehemalige Lehrer und berühmte Humanist Johannes Reuchlin hielt von seiner württembergischen Rezidenz und seinem Tübinger Amtssitz zeitlebens enge Verbindung zu seiner Heimatstadt. Durch sie lernt er die alten Sprachen in ihrer ganzen Schönheit kennen. 1511 schreibt er sich, versehen mit dem Grad eines Bakkalar in alten Sprachen, in die Matrikel der Universität in Wien ein. Fleißig setzt er seine Studien an der Artistenfakultät fort. Nach vier Jahren erwirbt er den akademischen Grad der freien Künste (Magister artium). Aus seinen Professoren sollen wir den Nachfolger von Konrad Celtis, Johannes Cuspinian erwähnen. Der Humanist, der auch ein gebildeter Arzt und guter Diplomat war, hat auf seine Studenten großen Einfluß ausgeübt. So hat sich auch Grynaeus' Interesse auf alle Zweige der damaligen Wissenschaften erstreckt. Er hat nicht nur sein philosophisches Studium beendet und den Grad "Magister philosophiae" erworben, sondern er hielt auch Vorlesungen über die griechische Literatur und beschäftigte sich noch dazu mit Naturwissenschaften und Medizin. Im diesem Zeitraum finden wir auch Joachim Vadian in Wien, der neben seiner Lehrtätigkeit als Dozent der Rhetorik und Poetik an der medizinischen Fakultät weiter studierte. Man kann die zeitlebens enge Freundschaft in ihrer Korrespondenz verfolgen. Kein Zufall, daß aus Beiden einige Jahre später wichtige Figuren der schweizerischen Reformation wurden.

III. Erste Lehrstellen in Ofen und Wittenberg

Simon Griner kommt Ende 1520 von Wien nach Ofen/Buda, wo er mit den Aufgaben eines Schulrektors betraut wird. In Ofen gab es damals zwei Schulen: die eine gehörte zur Kirche Unserer Lieben Frau, die andere, eine Knabenschule neben der städtischen Kapelle des Heiligen Georg. In der letzteren wurden die Kinder der Höflinge und Sängerknaben unterrichtet. Es ist noch nicht bekannt, in welcher der beiden Schulen er als Lehrer angestellt wurde.

Auch der Grund, der ihn nach Ungarn führte ist nicht bekannt, man kann sich nur auf Vermutungen stützen. Es ist vorstellbar, daß er auf Einladung des Erziehers Ludwigs II., des humanistisch orientierten Reichsgrafen Georg Brandenburg, nach Ofen kommt. Griner konnte schon in Wien von seinem Hochschullehrer, Cuspinian, der als kaiserlicher “Orator“ (Gesandter) zwischen 1510 und 1515 nach eigener Aussage nicht weniger als 24mal an den ungarischen Hof reiste, viel über die königliche Corvina Bibliothek hören. Die von dem humanistischen König Matthias gegründete Bibliothek war damals eine der größten und schönsten in Europa. Leicht konnte der junge Humanist Interesse daran bekommen haben, auch persönlich diesen bei Humanisten allgemein beliebten Wallfahrtsort aufzusuchen. Auch könnte die Wiener Strafverordnung, die im November 1520 gegen die Lutheraner erlassen wurde, seinen Entschluß verstärkt haben. Ebenfalls ist jene Annahme nicht ganz grundlos, nach der er gezwungen war, Wien wegen der verheerenden Pestepidemie zu verlassen. In Ofen lernte er den bekannten Prediger Konrad Cordatus kennen und freundete sich mit ihm an. Dieser hält in einem später datierten Brief auf die Jahre in Ofen Rückschau. Grynaeus vermittelte seinen ungarischen Schülern nicht nur die Kenntnisse der griechischen und lateinischen Sprache und Literatur, sondern er ließ auch ausführlich die aus der Lesung von Luthers Büchern geschöpfte neue Glaubenslehre in die Seelen der Jugend tropfen. Deswegen wurde er von dem Dominikanerorden ins Gefängnis gebracht, aus dem er nur durch den Einfluß vornehmer Freunde wieder in Freiheit gelangen konnte und danach das Land verlassen mußte. Über seinen hiesigen anderhalbjährigen Aufenthalt liegt noch vieles im Unklaren. Nach einem kurzen Aufenthalt, wieder in Wien, findet sich sein Name im Jahre 1523, datiert am 17. April, in den Matrikeln von Wittenberg: Simon Griner Alpen. Magister Wienen.

In der “Hochburg“ der Reformation trifft er auf seinen ehemaligen Schulkameraden Melanchthon und lernte hier auch Luther kennen. Der Reformator ist erst Anfang März, kurz vor Griners Ankunft, von der Wartburg zurückgekommen, nachdem er erfahren hatte, daß es in Wittenberg wegen der Reformation zu ernsthaften Meinungsverschiedenheiten gekommen war. Einige meinten sogar die Sache der Reformation sei zum Stillstand gekommen. An der Spitze der reformatorischen Bewegung stand hier der Theologieprofessor Andreas Karlstadt, der, wie auch Grynaeus, einige Jahre später in Basel (1535) als Lehrer tätig sein wird. Er ist sogar, wie sich später herausstellt, ähnlich tonangebend bei Unruhen (1538) in Basel, wie in Wittenberg. Simon setzte seine Lehrtätigkeit in Wittenberg fort, wo er in erster Linie Sprachen (griechisch und lateinisch) unterrichtete. Weiterhin vertiefte sich hier seine Verbundenheit mit der Reformation.

Inzwischen, so wie es im Kreis der Humanisten üblich war, latinisierte er seinen Namen von Griner zu Grynaeus, und folgte damit dem Beispiel unter anderen Schwartzerdtes, der zu Melanchthon, Hausscheins, der zu Oekolampad, Koepfels, der zu Capito, Kammermeisters, der zu Camerarius' und Geisshüsler, der zu Myconius wurde. Alles in allem könnte es sich bei ihm diese sogenannte Humanistentaufe um den Anschein einer ganz schlichten Namensänderung handeln, jedoch der junge Humanist hat seinen “neuen Namen“ dem bekanntesten Werk Vergils entnommen. Im IV. Gesang der Aeneis ist von Gryneus Apollo zu lesen, wobei das Wort Grynaeus sich auf einen Hafen Grynium in Kleinasien bezieht, wo sich nämlich damals eine der Orakelstätten des Apollo befand. Der Held dieses Werkes, Aeneas hat es der weisen Führung des Apollo von Grynaeum zu verdanken, daß er aus dem brennenden Troja nach Italien gelangte. Und so, wie unter einem der Grynaeus darstellenden Kupfertische zu lesen ist, zeigte er sich nicht unwürdig des Namens, sondern: er war ihm ein glückliches Vorzeichen. Von Wittenberg aus kehrte er mit großer Wahrscheinlichkeit nach Veringen zurück, um Eltern und Verwandte wiederzusehen. 1523 heiratete er Magdalena Spirensis, seine erste Frau.

IV. Professor für Griechisch und Latein in Heidelberg

Im Januar 1524 erhält Grynaeus eine Einladung an die Universität von Heidelberg, die einstige “Alma Mater“ mehrerer Reformatoren, unter anderem von Melanchthon, Oekolampad, Martin Bucer, Johannes Brenz, Erhard Schnepf, Martin Frecht und Franciscus Irenicus. Im Juni 1524 wurde er als Professor der griechischen Sprache nach Heidelberg berufen. Dabei machte er die traurige Erfahrung, daß die an den Ufern des Neckars gelegene Universität noch völlig von dem Geist der Scholastik beherrscht war. Die Führung der Universität verbot mit spartanischer Strenge jede mit der Reformation in Verbindung stehende Ansicht im Unterricht. Es bestand auch unter den Fakultäten keine vollständige Einigkeit. Grynaeus' Heidelberger Aufenthalt war auch mit finanziellen Schwierigkeiten verbunden. Um den Lebensunterhalt für sich und seine Frau bestreiten zu können, mußte er den Universitätsunterricht in den sieben freien Künsten, für die Fächer des Quadriviums (Astronomie, Geometrie, Arithmetik, und Musik) übernehmen. Daneben erhält er 1526, infolge einer Vakanz, den Titel eines Professors für die lateinische Sprache. Von da an unterrichtet er neben der griechischen auch diese Sprache. Die vielen Vorlesungen überstiegen seine Belastbarkeit und griffen seine Gesundheit an. Am 11. März 1527 wendete er sich mit einem Brief an den akademischen Senat, in dem folgendes zu lesen ist: Meine Gesundheit ist auf unaussprechliche Weise geschwächt, und mein Geist, ich weiß nicht wie es kommt, zur Betreibung der Studien wenig aufgelegt. Die daraus entstandene Antipathie verschärft sich noch weiter, als bekannt wird, daß er mit Oekolampad aus Basel eng befreundet ist und sich im Einvernehmen mit ihm zu der symbolischen Abendmahlsauffassung Zwinglis bekennt. Oekolampad ließ im September 1525 seine Gedanken über die Einsetzungsworte des Abendmahls in einer Schrift: De genuina verborum Domini: Hoc est corpus meum iuxta vetustissimos authores expositione liber erscheinen. Im Nachwort dieser Auslegung bat Oekolampad die Geistlichen im Kraichgau, in Heilbronn und Schwäbisch Hall, um ihr Urteil über diese Schrift. Aus diesem Grund hat dann ein Gespräch nach Weihnachten 1525 über das Abendmahl auf der Burg Guttenberg stattgefunden, an dem die Straßburger Martin Bucer und Wolfgang Capito wegen der schlechten Jahreszeit nicht erschienen konnten, sondern sich durch Grynaeus vertreten ließen. Wer noch neben Grynaeus und Johannes Brenz an dieser Guttenberger Abendmahlsdisputation teilgenommen hat, ist noch ungewiß, aber man sieht sie als einen Vorläufer des Marburger Religionsgesprächs an.

Trotzallem waren die Heidelberger Jahre nicht vergebens, da sich sein Wissen und seine Kenntnisse erweiterten, vor allem in der Medizin und Philosophie. Fleißig studierte er die Werke von dem bedeutendsten Arzt der Antike, Galen, und Aristoteles. Als Humanist läßt er nicht nach in seinem Forscherdrang. 1527 entdeckt er in dem bei Heidelberg gelegenen Kloster Lorsch von dem Hauptwerk des Livius fünf bis dahin unbekannte Bücher. Bis zu Grynaeus' Entdeckung waren von dem aus 145 Büchern bestehenden Werk “Ab urbe condita“ des großen römischen Historikers nur die ersten zehn Bände, und die mit der Seriennummer 21-40 versehenen Bände bekannt. Die von ihm aufgefundenen Bände (41-45) machten den jungen Professor auf einen Schlag berühmt. Es begann damit, daß er engeren Kontakt zu dem König der Wissenschaften, zu Erasmus von Rotterdam bekam. Einige Jahre später (1531), wie es oben schon erwähnt wurde, gab er in Basel den f gesamtenQ Livius, versehen mit einem Vorwort von Erasmus, in Druck.

Grynaeus reiste zu dem am 3. Februar 1529 begonnenen Reichstag in Speyer, wo er sich unter anderem erneut mit Melanchthon treffen konnte. Auf dieser Sitzung ließen die katholischen Reichsstände das "ius reformandi" aufheben und verfügten, daß bis zum nächsten ökumenischen Konzil das Wormser Edikt (1521) in Kraft bleiben müsse, wobei es verboten ist, irgendeine Glaubenserneuerung einzuführen. Gegen diesen Beschluß legten die evangelischen Reichsstände am 19. und 20. April eine gemeinsame, an den übrigens nicht anwesenden Kaiser Karl V. gerichtete schriftliche Verwahrung ein. Von Melanchthon weiß man, daß während der Versammlung ernsthafte Meinungsverschiedenheiten zwischen Grynaeus und dem Wiener Bischof, Johannes Faber, aufgetreten sind. Eine der Predigten des Bischofs löste seine große Verärgerung aus. Beim Rausgang aus der Kirche fragte er, wie es möglich sei, daß ein so gebildeter Bischof wie er, so viele fälschliche Belehrungen verkünden könne. Faber, in Verlegenheit und im Hinblick auf die Menge, nahm die aufdringliche Frage sichtlich besonnen und freundlich auf. Er lud Grynaeus für den nächsten Tag zu sich ein, um in ruhiger Umgebung über die eventuell strittigen Punkte zu diskutieren. Jedoch noch am selben Abend erschienen Soldaten in Melanchthons Herberge, um den sich dort aufhaltenden Grynaeus auf Befehl des Kaisers ins Gefängnis zu bringen. Melanchthon berichtet darüber: …wenn Grynaeus nicht von Engeln beschützt gewesen wäre, er nicht hätte entkommen können mit Hilfe seiner Freunde auf die anderer Seite des Rheins.

V. Grynaeus kommt nach Basel

Im Frühjahr 1529 erreichte das Fieber der Reformation auch das für seine Neutralität so berühmte Basel. Die Bürger der Stadt begannen alle Altarbilder und Statuen aus den Kirchen zu entfernen, die dann auf den vor den Kirchen errichteten Scheiterhaufen ein Opfer der Flammen wurden. Dieses war auch der Anlaß, warum mehrere Professoren an der Universität auf ihren Lehrstuhl verzichteten und die Stadt verließen. Auch Erasmus, der sich bisher von jeder Parteinahme ferngehalten hatte, suchte anderen Orts seine Ruhe und verlegte seinen Sitz in das stillere Freiburg. Zur selben Zeit gaben auch der Theologe Ludwig Ber und der Philologe Glarean ihre Stellungen auf. Oekolampad, der Urheber der Basler Reformation, wollte diese freigewordenen Stellen gern mit gebildeten und die Reformation stützenden Gelehrten besetzen. Auf Vorschlag der Straßburger Reformatoren Bucer und Capito wurde Grynaeus zum Professor für die griechische Sprache ernannt.

Bevor sich Oekolampad mit einem Brief an Grynaeus wandte, reiste er nach Straßburg, um auch persönlich über diesen Vorschlag zu diskutieren. Indessen jedoch wurde der Humanist über diesen Besuch und sein Ziel von Jakob Bedrotus, dem Straßburger Universitätsprofessor für die griechische Sprache, unterrichtet, woraufhin er sich veranlaßt fühlte, nun seinerseits zur Feder zu greifen und Oekolampad zu schreiben. So kam es, daß sich die Briefe von Grynaeus, bzw. Oekolampad kreuzten. Oekolampad schreibt in seinem Brief vom 31. März über ein vielversprechendes Einkommen, das gesunde Klima, die angenehme Stadt und schnelle Entwicklung des Buchdruckes. Grynaeus bezeugt dagegen in seinem Brief vom 1. April seine Unentschlossenheit. Beruft sich auf seine Verwandtschaft, von der er sich nicht trennen möchte und bekennt, was er von den Spannungen der Reformation in der Schweiz hält. Er beendet sein Schreiben dennoch mit den Worten der Hoffnung: Ich möchte zuallererst da sein, wo für Gottes Wort genügend Raum gewährt wird.

Zur gleichen Zeit erscheint am 1. April in Basel die 20 Paragraphen enthaltende Reformationsordnung, die als Grundlage zur Umgestaltung der berühmten Universität dient. Am 8. Mai wird mit Bewilligung des Rates das offizielle Ersuchen an Grynaeus aufgesetzt, welches der eben in Basel anwesende Martin Frecht, der sein Kollege und einzige Freund in Heidelberg war und später Reformator von Ulm wurde, überbringt. Nach dieser Vorgeschichte kommt Grynaeus endlich am 2. Juni in der an den Ufern des Rheins gelegenen Stadt an. Am anderen Tag hält er seine Antrittsvorlesung über Aristoteles` Rhetorik. Oekolampad bringt eine Monate später in einem Brief an Zwingli seine Zufriedenheit über das hochgradige Wissen des neuen Professors zum Ausdruck. Grynaeus wird von seinem 17jährigen Neffen Thomas, den er noch in Heidelberg bei sich aufgenommen hatte, begleitet. Der junge Mann, den Spuren seines Onkels folgend, ist eifrig bemüht, die Sprachen des Altertums zu lernen.

Bis zur Einführung der neuen Universitätsordnung fand Grynaeus ausreichend Gelegenheit, sich in private wissenschaftliche Studien zu vertiefen. In dieser Zeit entstanden auf Bitten von Erasmus die Übersetzung der Homilien des Chrysostomus`; zudem machte ihn Erasmus zum Redakteur seine Aristoteles-Ausgabe, was eine besondere Auszeichnung für Grynaeus bedeutete.

Auch war dieser Neubeginn für ihn eine Gelegenheit seine Freundschaft zu Oekolampad –zuerst wohnte er sogar bei ihm – zu vertiefen, sowie neue Freunde zu gewinnen, wie zum Beispiel den Rechtsgelehrten Bonifacius Amerbach.

VI. Studienreise nach England

Nach den bewegten, reich an Vorlesungen und Sorgen beladenen Heidelberger Jahren, hatte er in Basel die Zeit und Möglichkeit die Vorbereitungen für die Herausgabe der schon erwähnten Livius Bände in Angriff zu nehmen. Nach Beendigung beschließt Grynaeus Anfang 1531 die noch verbleibende freie Zeit zu nutzen und eine Studienreise nach England zu unternehmen. Erasmus, der selber auch zweimal auf der Insel gewesen ist, stattet ihn voller Freude mit Empfehlungsschreiben aus. In einem aus diesen, den er seinem ehemaligen Studenten, William Blount (Lord Mountjoy) geschrieben hat, lesen wir: Wenn Simon Grynaeus diesen Brief übergibt, dessen Namen im Vorwort (der Livius Ausgabe) steht, bitte ich, daß Du ihm bei seiner Arbeit hilfst, solange es keine Mühe macht. Dieser Mensch hat Fingerspitzengefühl für die lateinische und griechische Sprache, in der Philosophie und der mathematischen Studien ist er sorgfältig geschult, ohne Hochmut, fast von schamhafter Art. Dieser Mensch begehrt, Britannien zu sehen, aber vielmehr noch hegt er großes Interesse für Eure Bibliotheken.

Mit erwartungsvollem Herzen macht sich Grynaeus entweder Ende März oder Anfang April auf den Weg. Bevor es jedoch in Richtung England geht, macht er noch in Köln Station und besucht Tielmann Jossa, einen von Erasmus` Gönnern. Schnell schließt er Freundschaft. Der Basler Professor muß detailliert über den Gesundheitszustand und Pläne des 60jährigen in Freiburg lebenden Humanisten berichten.

Der Empfang in England entspricht seinen vorherigen Erwartungen. Der Lordkanzler Thomas Morus, der bekannte Humanist, nimmt sich selbst des Grynaeus an. Er führt den Gast aus der Schweiz überall herum, fördert und unterstützt seine wissenschaftliche Forschungstätigkeit durch Rat und Tat. Auch in ihren theologischen Ansichten hatten sich zwei ebenbürtige Gesprächspartner gefunden. Grynaeus geht nach Oxford, wo er nicht nur einen Einblick in die Bibliotheken und die Kollegien bekommt, sondern auch in das tägliche Leben der Studenten.

Außerdem bekam er vom englischen König Heinrich VIII. einen wichtigen Auftrag. Der König hatte sich zunächst als glaubenstreuer Katholik erwiesen, denn seine Schrift Assertio septem sacramentorum (Die Beweise der sieben Sakramente), gegen die lutherischen Auslegung der Sakramente, trug ihm von Papst Leo X. den Titel eines “Defensor fidei“ ein. Seine Ehe jedoch mit Katharina von Aragon, der Witwe seines älteren Bruders, die diesem schon als Kleinkind versprochen war, scheiterte. Daher wollte er sich nach 17jähriger Ehe, und nachdem er sich in Anna Boleyn, eine junge Hofdame seiner Frau verliebt hatte, von der Tochter des spanischen König Ferdinand scheiden lassen. Dieser Entschluß war nicht einfach nur eine gefühlsmäßige Leidenschaft, sondern er wollte damit auch für einen männlichen Nachfolger auf seinem Thron sorgen. Der Papst jedoch zögerte seine Entscheidung hinaus. Heinrich, unzufrieden damit, entschloß sich seine Angelegenheit unabhängig von Rom zu erledigen. Am 11. Februar 1531 wird auf einer Versammlung der englischen Geistlichkeit – unter starkem Druck von Heinrich – die Entscheidung getroffen, daß in Zukunft nicht der Bischof von Rom, sondern der König von England das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche sein wird. In diesem Zusammenhang fordert er von mehreren europäischen Universitäten eine Stellungnahme, darunter auch von Basel durch Grynaeus.

Anfang Juli 1531 beendete Grynaeus seine Studienreise durch England. Am 13. August schrieb Grynaeus einen Brief über die Scheidungsangelegenheit Heinrich VIII. an Zwingli. Daraufhin versammelte man sich einen Monat später in Basel, um das Problem zu diskutieren. An dieser Debatte nehmen Oekolampad, Zwingli, Capito, Hedio, Paul Constantin Phrygio und Grynaeus teil. Sich darauf berufend, daß Heinrich nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen die Witwe seines mit 14 verstorbenen Bruders Arthur zu heiraten hatte, hielten sie es für vertretbar – im Gegensatz zu Luther – den königlichen Bund aufzulösen. Später änderte Grynaeus allerdings seine Meinung. In dem er erneut über den Diskussionspunkt nachdachte, hielt er das erwähnte Argument doch nicht für so gravierend um ein Einverständnis zu geben, die einmal rechtsgültig geschlossene Ehe wieder aufzulösen. Dennoch riß die Verbindung zu dem englischen König nicht ab, empfahl er ihm doch die erste Basler Ausgabe von Ptolemäus' astronomischem Werk. In dem Vorwort zu diesem 1538 erschienenen Buch ermuntert er Heinrich VIII., die Einführung der Reformation in England mutig fortzusetzen.

VII. Zurück in Basel

Nachdem Grynaeus aus England zurückgekehrt ist, und die Anspannungen, die mit der Einführung der Reformation verbunden waren, abgeflaut sind, widmete er sich erneut seiner Lehrtätigkeit. Auch Oekolampad kam aus Ulm zurück, wohin ihn ein Hilferuf (11. Mai) zur Einführung der Reformation geführt hatte. Sie setzen ihre Vorlesungen nach der von ihnen ausgearbeiteten neuen Universitäts- und Schulordnung fort, die leider erst im darauf folgenden Jahr vom Stadtrat anerkannt wird. Anfang August begannen die Vorlesungen über das Alte Testament gemäß der mittelalterlicher Auslegungsmethode aus dem Buch der Schöpfung. Sebastian Münster legte den hebräischen Text nach dem Literalsinn aus, gefolgt von Oekolampad mit tropologischen und allegorischen Erörterungen, dem Phrygio noch einige aufbauende anagogische Gedanken hinzufügte. Eine Woche später begannen die Vorlesungen über das Neue Testament mit den Erklärungen zum Matthäus-Evangelium. Die Übersetzung und Auslegung des griechischen Textes wurde von Grynaeus vorgenommen, die weitere Erklärungen danach wieder von Oekolampad und Phrygio. Die Lektionen fanden um 3 Uhr nachmittags auf der Kirchenempore statt. Mit dem Beginn der theologischen Vorlesungen öffnete die Basler Universität erneut allen Fakultäten ihre Pforten.

Leider konnte der Unterricht nicht lange ungestört fortgesetzt werden. Die protestantische Glaubenserneuerung, die überall in Europa zu Glaubenskriegen führte, bringt auch der Schweiz ihre eigenen Schlachten. Die erste sogenannte Schlacht bei Kappel wurde nicht nur durch Glaubens-, sondern auch durch Gebietsrivalität angeregt (1529). Zunächst wählte auch der Gegner an Stelle des Krieges noch die Verhandlung und so konnte der Friedensabschluß gelingen. Dieser Friede jedoch hatte sich nicht als haltbar erwiesen. Zwei Jahre später, als die protestantischen Städte die katholischen Gebiete vom Weizentransport ausgeschlossen hatten, verschärften sich die Spannungen erneut. Um ihr Leben zu retten griffen die Katholiken zu den Waffen und siegten in der zweiten Schlacht bei Kappel. Auch der an der Spitze der Protestanten stehende Zwingli fällt auf dem Schlachtfeld. Die Züricher hätten gern Oekolampad als seinen Nachfolger gewonnen, der jedoch Anfang November schriftlich mitteilt, daß er die Nachfolge nicht übernähme. So fiel die Wahl dann auf Heinrich Bullinger, als den neuen Züricher Reformator.

Einige Wochen später trauerten die Schweizer Reformierten erneut. Am 24. November verstarb plötzlich Oekolampad an einer Krankheit. Nach der erneuten Eröffnung der theologischen Fakultät konnte er nur 32 Lektionen halten. Während dieser wenigen Monate kamen sie in der Auslegung der Heiligen Schrift bis Genesis, Kapitel 16 und bis zum 10. Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Grynaeus verließ seinen Freund auch nicht am Krankenbett, sondern war bei ihm bis zu seinem Tod. Seinen Bericht über den Todeskampf diente (und dient auch heute noch) als Quellenwerk für alle Lebensläufe Oekolampads.

VIII. Der Basler Reformator

Durch den Tod Oekolampad ergaben sich – ähnlich wie in Zürich – ernsthafte Probleme, denn wer sollte sein Werk fortsetzen? Die Einführung der Reformation in Basel war bis dahin auch noch nicht beendet. Zuerst hätte man gern Grynaeus zum würdigen Nachfolger gewählt. Da dieser aus Bescheidenheit ablehnte, wurde Oswald Myconius aus Zürich berufen. Die Antrittspredigt hielt er am 22. Dezember in St. Alban, an der die Elite von Basel anwesend war. Nachdem Grynaeus die Auslegung des Evangeliums gehört hatte, flüsterte er dem Vorsitzenden des Kollegiums, dem Lutheraner Simon Sulzer zu: Oh, Simon, bitten wir zu Gott, daß uns dieser Mensch erhalten bleibt, weil er danach lehren kann. Mit Wirkung vom 22. Dezember 1531 wurde Myconius zum Antistes der Basler Kirche gewählt. So wie Zwingli für Oekolampad ein Rückhalt war, so wurde Bullinger dieses für Myconius. Dazu wurde ihm noch der Titel eines Professors für das Neue Testament verliehen, obwohl er keinen Doktortitel, keine Ordination und sogar auch keinen Bakkalar-Grad besaß. Grynaeus erhielt als Ausgleich neben dem Titel eines Professors für die griechische Sprache auch noch den Titel Professor der Theologie, und somit beginnt er im darauf folgenden Jahr in seinen theologischen Vorlesungen mit der Auslegung des Römerbriefes. Er sträubt sich gegen die Annahme des neuen Doktortitels, als ob er im voraus geahnt hätte, daß deswegen an der Universität ein ernsthafter Zwist ausbrechen würde.

Am 15. September 1532 wurde endlich die neue Universitätsordnung veröffentlicht, die schließlich auch der Stadtrat ratifiziert hatte. Sie wurde im November, im Laufe des Wintersemesters – unter dem Rektorat von Oswald Bär – eingeführt. Die beiden Theologieprofessuren wurden von Myconius und Phrygio, die Juraprofessur von Amerbach, die Medizinprofessur von Bär, die drei Philosophieprofessuren von Münster für Hebräisch, Grynaeus für Griechisch und Thorinus für Latein, das Fach Mathematik von dem Theologen Wolfgang Wisssenburg und die Dialektik von dem Leiter des Kollegiums Sulzer besetzt. Vorläufig fehlten noch die Referenten für die Naturwissenschaften und die Moralwissenschaften. Dabei stellt sich die Frage: Warum vergeht so viel Zeit, bis zur Besetzung aller Stellen an der Universität? Ein Grund dafür sind die fehlenden Mittel. Zum Beispiel unterschrieb der Rat erst am 23. Oktober 1533, daß er künftig alle Kosten der Universität decken wird.

Grynaeus gibt neben den Vorlesungen ein Geographiebuch heraus, welches 1532, zum 40. Jahrestag der Entdeckung Amerikas, in Basel erscheint mit dem Titel Novus orbis regionum ac insularum veteribus incognitarum. Weiterhin setzt er seine Übersetzungen fort. Aus dieser Zeit datieren mehrere Buchübersetzungen ins lateinische oder deutsche von Schriftstellern der Antike. Zur Herausgabe kommen Werke von Aristoteles, die gesamten Werke von dem Komödiendichter Aristophanes und ein Essay von Plutarch über die Vernunft bei Tieren. Dieses letztere, das Johannes Oporin, dem jungen Sprachlehrer gewidmet ist, und der einige Jahre später eine eigene Druckerei besitzt, erscheint 1533 und vermehrt damit die bis dahin auch so schon berühmte Basler Buchdruckerei.

IX. Einladung nach Tübingen

Am 12. Mai 1534 greift Herzog Ulrich von Württemberg bei Lauffen mit Unterstützung des Landgrafen Philipp von Hessen den Grafen Philipp von der Pfalz an und es gelingt ihm nach 15 Jahren Verbannung sein eigenes Land wieder zurückzuerobern. In den Jahren des Exils war er mit der Schweizer Reformation in Verbindung gekommen und beschließt, wenn er wieder in sein eigenes Land zurückkehren kann, wird er auch dort die Reformation einführen. Kurz nach der siegreichen Schlacht werden ihm von seinen Freunden aus Straßburg dazu Vorschläge gemacht. Bucer und Capito halten es als erste und wichtigste Aufgabe die Tübinger Universität zu reformieren und empfehlen ihm dafür zwei Reformatoren: Ambrosius Blarer aus Konstanz und Simon Grynaeus aus Basel. Grynaeus zeigt sich für die Aufgabe hilfsbereit. In einem Antwortschreiben an Blarer, der schon im Sommer seine Tätigkeit in Württemberg angefangen hatte, ist zu lesen, daß er gern behilflich ist, wenn der Rat der Stadt Basel die Erlaubnis gibt. Im übrigen erstaunt seine Hilfsbereitschaft keineswegs, ist er doch gebürtiger Schwabe. Auch der Herzog hatte Anfang Oktober ein Schreiben wegen die Überlassung des Grynaeus für ein zittlang an den Rat abgehen lassen.

In Verbindung mit der Umstrukturierung der Tübinger Universität sah Bucer die Zeit für gekommen, daß sich die Lutheraner und Calvinisten erneut zusammensetzen, um eine Übereinstimmung in den noch strittigen theologischen Fragen zu finden. Gern hätte er ein ähnliches Religionsgespräch wie in Marburg (1529) auch in Stuttgart veranstaltet. Leider jedoch folgten nur zwei der Einladung. Erhard Schnepf, Professor an der Universität in Marburg und treuer Freund Luthers, der von Landgraf Philipp Stuttgarter Stadtpfarrer wurde (um gegen Zwinglis Auffassung des Abendmahls zu kämpfen), und Grynaeus, der von Straßburg kommend am 27. Oktober 1534 in der württembergischen Hauptstadt Stuttgart eintrifft. Während der Glaubensdisputation wird bald klar, daß man sich in der Frage des Abendmahls nicht einigen kann. Diese Tatsache muß auch der einige Tage später, am 31. Oktober in Stuttgart ankommende Bucer traurig zur Kenntnis nehmen.

Anfang November beginnt Grynaeus seine Reformtätigkeit mit dem schon sehr viel früher in Tübingen eingetroffenen Blarer. Auch die Universität Tübingen sträubte sich gegen die Einführung der Reformation. Hieher herrschte in der Verkündigung ausschließlich der Geist der Scholastik. Hier lehrte einst Gabriel Biel. Der ehemalige "magister regens" der theologischen Fakultät, Rektor der Universität und Bruder vom gemeinsamen Leben hatte noch über des Aristoteles Ethik gepredigt. Sein Einfluß als einer der bedeutendsten Theologe des Spätmittelalter und damit Vertreter der akademisch-scholastischer (via antiqua) und ockhamistisch-spätfranziskanisch (via moderna) bestimmter Theologie, war immer noch zu spüren. Grynaeus erstellte vorerst einen Lehrplan, der auf der zwei Jahre zuvor in Basel eingeführten Reformordnung basierte. Darin macht er Angaben über die Vorbedingungen und Richtlinien der Pädagogik. Er bestimmt, daß darüber hinaus nur Gelehrte, ausgebildete Personen als Lehrer eingestellt werden sollen. Gleich zu Anfang lösten die Reformvorschläge heftige Gegenwehr unter den krampfhaft an der Scholastik festhaltenden Professoren aus. Grynaeus und Blarer waren jedoch unmöglich aufzuhalten und am 30. Januar 1535 wurde mit Beistand des Herzogs die Neue Universitätsordnung eingeführt. In den darauf folgenden Monaten gelang es Grynaeus, einige gut bekannte und der Reformation nahestehende Professoren zu berufen, so z.B. den Mediziner Leonhard Fuchs, die Rechtsgelehrten Hans Sichard und Bartholomäus Amantius, oder den bekannten Gräzisten Camerarius, einen guten Freund Melanchthons. Mehrere Professoren versprachen im Laufe des Sommers nach Tübingen zu kommen, so z.B. der Arzt Sinapius aus Ferrara, ein alter Freund von Grynaeus, Bullinger und Konrad Pellikan aus Zürich. Daher schreibt Grynaeus nicht zufällig in einem Brief an Blarer vor seiner Rückkehr nach Basel im Juni 1535: Ich juble wie nach errungenem Sieg, wenn ich mir vorstelle, daß solche Theologen hier sein werden.

Ursprünglich wurde Grynaeus für drei Monate eingeladen, und wie man sieht wurden daraus neun. Deshalb sollte hier auch kurz auf das Hin und Her während dieser Zeit zwischen Basel, Tübingen und Straßburg eingegangen werden. Im Januar 1535, nach Ablauf der drei Monate, begann man sich im "goldenen Land" der Schweiz Sorgen um Grynaeus zu machen. Der Rat der Stadt Basel schickte am 21. Januar eine Kutsche, aber vergebens, denn Grynaeus kam nicht. Auf Anfrage von Herzog Ulrich wurde die Einladung bis Pfingsten 1535 verlängert. Es wurde Pfingsten und Grynaeus blieb erneut. Darauf hin schrieben die Straßburger nach Basel mit der Bitte, ob Grynaeus nicht noch ein Jahr bleiben könne. Der erneute Aufschub war bis zum 24. Juni vorgesehen, als die ungeduldigen Basler an die Stelle von Grynaeus Phrygio, den Professor für die Lehre des Alten Testamentes, schickten. Damit beendete der von allen anerkannte Gelehrte seine Reformtätigkeit in Tübingen.

Bevor er jedoch in die geliebte Stadt am Rhein zurückkehrte, verbrachte er einige Tage in Straßburg. Nachdem die Freunde des Reformators alles über die an der württembergischen Universität stattgefundenen positiven Veränderungen gehört hatten, baten sie ihn, er möchte doch umkehren, um das Angefangene zu beenden. Aber alle Überredungskunst war vergebens, Grynaeus kehrt am 7. Juli nach Basel zurück. Ihm zu Ehren gibt der Rat der Stadt einige Tage später ein großes Festessen, und am 15. Juli hält er erneut seine Vorlesungen an der Universität. Im August wird abermals um eine Rückkehr nach Tübingen ersucht, aber Myconius will nichts von einem Weggang seines Kollegen hören. In Tübingen versucht Blarer die Führungsrolle zu übernehmen, aber leider verfügte er nicht über ein ebenso großes Ansehen und Einfluß wie Grynaeus. Die Umstrukturierung der Tübinger Universität wird erst 1536 fortgesetzt, als keine geringeren Reformatoren wie (wenn auch nur für eine wirklich kurze Zeit) Melanchthon und danach Brenz die Rolle des Grynaeus und Blarer übernehmen.

X. Der junge Calvin in Basel

Calvins (1509-1564) Auftauchen in Basel kann zu Anfang des Jahres 1535 datiert werden. Wenn auch der Zeitpunkt seiner Ankunft nicht bekannt ist, um so besser jedoch der Grund. König Franz I. von Frankreich leitet 1534 strenge Interventionen gegen die Gläubigen des verfluchten lutherischen Bekenntnisses ein. So muß Calvin, der eben in Paris vor einer Berufswahl steht, zusammen mit seinem Freund, dem Universitätsprofessor Nikolaus Cop erst aus der Hauptstadt, dann nach Untertauchen in der Provinz, aus dem Land fliehen. Vor der Protestantenverfolgung kommt er endlich in Basel zur Ruhe. Er schreibt hier sein Hauptwerk Institutio religionis christianae, welches 1536 in Basel erscheint. Zwar spielt sein Name in den Annalen der Universität keine Rolle, aber es ist sehr wahrscheinlich, daß er zu den Vorlesungen gegangen ist und auch Grynaeus gehört hat. Basels berühmter Professor begann nämlich im Herbst 1535 erneut mit der Auslegung des Römerbriefes, und Calvin widmet vielleicht gerade deshalb in Nachwirkung auf diese Vorlesungen Grynaeus seinen einige Jahre später erschienenen (1539) ersten Kommentar über den Römerbrief.

Calvin registrierte in Basel mit großer Freude, daß neben dem reinen evangelischen Geist der Vorlesungen, die ganze Stadt – vom Bürgermeister über die Prediger bis zur Synode – auf der Grundlage des Evangelium steht.

Dieses wirkte jedoch nur von außen gesehen so einheitlich und harmonisch. Es gab immer um die Auslegung der Reformationsordnung Diskussionen. Nach Oekolampads Tod zum Beispiel entstanden große Auseinandersetzungen über die Fragen der kirchlichen Bestrafung, Bann und Verbannung. Im Gegensatz zu vielen anderen waren Grynaeus und Phrygio nicht mit dem Zwang zur Teinahme am Abendmahl und mit der Belegung des Bannes gegen Nichtteilnehmer einverstanden. Schon 1532 wurde zwischen den Ratsmitgliedern und des Mitgliedern der Synode eine gemeinsame Kommission geschaffen, in der Kirchenpräsident, vier Prediger, acht Ratsmitglieder und vier Bürger vertreten waren. In diesem sogenannten Synodekomitee wurden auch ab Herbst 1535 Grynaeus und Myconius Mitglieder. Die hier behandelten Fragen und Beschwerden geben eine Vorstellung davon, daß auch in den 30er Jahren nicht alles nach Vorschriften der Reformationsordnung ablief.

XI. Das Erste Helvetische Glaubensbekenntnis

In den schweizerischen Städten, die sich der Reformation angeschlossen hatten, waren unterschiedliche Kirchenordnungen eingeführt worden. Martin Bucer wollte daher als folgenden Schritt in seinem Bestreben nach Einheit eine Zusammenkunft der Schweizer Reformatoren einberufen, die ein von allen akzeptiertes einheitliches Glaubensbekenntnis erstellen sollten. Es zeigte sich aber, daß eine erneute Einberufung einer "Unions-Synode", in der sowohl die lutherische als auch die helvetische Richtung vertreten wäre, erst im Mai 1537 verwirklicht werden konnte. So kamen auf Einladung Bucers am 30. Januar 1536 die bedeutsamsten Schweizer Theologen nach Basel im Augustinerkloster zusammen, unter ihnen Bullinger, Myconius, Grynaeus, Leo Jud und Kaspar Megander in Vertretung der Städte Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen, St. Gallen, Mühlhausen und Biel. Obwohl nicht eingeladen, kamen auch die Straßburger Bucer und Capito.

Als Grundlage für die Erstellung des Glaubensbekenntnistextes diente das sogenannte Erste Basler Glaubensbekenntnis, welches am 21. Januar 1534 angenommen worden war. Für dieses wurde jedoch ein noch früherer, 1532 abgefaßter Text, dessen Autor Myconius war, benutzt. Es ist auf die Straßburger zurückzuführen, daß in das neue Glaubensbekenntnis lutherische Formen und Ausdrücke aufgenommen wurden. Die Lehre vom Abendmahl verblieb dagegen ganz im Sinne der symbolischen Abendmahlsauffassung Zwinglis. Dieses wird als mystisches Abendmahl bezeichnet, bei dem Christi Leib und Blut im geistigen Sinn aufgenommen werden. Am 24. Februar ist der 27 Paragraphen enthaltende …erste symbolische Ausdruck des gemeinsam schweizerischen Glaubensbekenntnisses entstanden. Ursprünglich wurde das Glaubensbekenntnis auf lateinisch niedergeschrieben, aber um des besseren Verständnisses wegen wurde es von Leo Jud auf deutsch übersetzt. Grynaeus, dem bei der endgültigen Abfassung des Glaubensbekenntnisses eine wichtige Rolle zufiel, war daher zwecks Übereinstimmung in Straßburg, Zürich und Bern gewesen.

Die Vertreter der einzelnen Städte kamen am 27. März erneut in Basel zusammen und einstimmig wurde die Confessio Helvetica Prior angenommen. Da dieses Glaubensbekenntnis nur zum Teil den Vorstellungen der Straßburger Union entsprach, wurde es auf ihre Bitte hin nicht gedruckt. Trotzdem machte man davon Gebrauch und bekannte sich als Schweizer Reformierte. Luther begrüßt freudig das Erste Helvetische Glaubensbekenntnis, was aus einem am 17. Januar 1537 an Jakob Meyer, Bürgermeister von Basel, gerichteten Brief hervorgeht. Er ist erfreut, daß sich die Schweizer wieder wohlwollend zeigen. Nachdem auch Myconius diesen Brief gelesen hatte, rief er aus: Ich sehe Gottes Gnade darin, daß wir in Richtung Einheit einen Schritt weiter gehen konnten.

Inzwischen gab es einen Wechsel auf den Universitätsposten. Nach mehreren Anträgen aufgrund seiner vielen amtlichen Verpflichtungen wurde Myconius von seiner Professur für das Neue Testament entbunden. Einstimmig wählte man Grynaeus auf diesen Posten, der damit zwei Universitätsstellungen erhielt (Philosophie und Neues Testament). Im darauf folgenden Jahr wurde er in Anerkennung seiner Arbeit für das Studienjahr 1537/38 zum Dekan der Philosophischen Fakultät gewählt. Die von ihm gehaltenen Vorlesungen der Dialektik übergab er Peter Caroli, der an der Pariser Universität gelehrt hatte. Auf Einladung von Grynaeus traf Caroli am 10. November 1535 in Basel ein und immatrikulierte sich am 14. März 1536.

In jenem Jahr trat auch noch ein erschütterndes Ereignis ein. Am 12. Juni starbt der 66jährige Erasmus, der sein letztes Lebensjahr in Basel verbracht. Grynaeus und Erasmus' treue Freunde Froben und Amerbach waren vom Tod des Humanisten und doctor universalis zutiefst betroffen.

XII. Auseinandersetzung mit dem Klerus, der Universität und dem Rat

Für Grynaeus folgten während seines Dekanats die vielleicht zwei traurigsten Jahre seines Lebens. War er doch persönlich von der Diskussion betroffen, die von Andreas Karlstadt am 20. März 1538 an die Öffentlichkeit getragenen Thesen in Basel auslösten. Karlstadt, der übrigens 1537 als Rektor der Universität wirkte, erörterte Kapitel 1-7 des Exodus in 214 Thesen, darin eingeschlossen seine Bemerkungen und Vorschläge für die Universität, den Klerus und den Rat der Stadt.

Die auslösende Ursache dieser Debatte war auf einen Punkt der Reformationsordnung, die Anfang April 1529 angenommen wurde, zurückzuführen, laut dem der Rat der Stadt ein Mitbestimmungsrecht in allen kirchlichen Angelegenheiten und Personalfragen hat. Unter Karlstadts Vorschlägen spielte zum Beispiel eine Rolle, daß sich die Geistlichen gänzlich der Hochschule anschließen sollten, um so mit der theologischen Wissensschaft in Verbindung zu bleiben; der Klerus unter die Oberaufsicht der theologischen Fakultät falle, um damit einzelnen Predigern Einheit zu gebieten; Lehrstuhlinhaber kann nur derjenige werden, der auch über einen Doktorgrad des jeweiligen Lehramtes verfügt. In dieser letzten Aussage glaubten Myconius und Grynaeus einen persönlichen Angriff entdeckt zu haben. Die Meinungen darüber waren sehr geteilt. Es entstanden stürmische Debatten, welche den Lehrkörper, die Ratsmitglieder und auch die Bürger der Stadt entzweiten. Besonders Myconius fühlte sich persönlich beleidigt. Nicht von ungefähr, denn es wurde ja schon erwähnt, daß er weder über einen Doktortitel, eine Ordination noch einen Bakkalargrad verfügte. Dennoch wirkte er seit Dezember 1531 als Kirchenpräsident (Antistes) und Professor der Theologie. Nachdem er 1535 freiwillig seinen Professorentitel abgelegt hatte, wurde dieser aus Verehrung und in Anerkennung seines Wissens Grynaeus verliehen.

Am 26. Juli 1539 beschloß der Rat zu dem Reformationsgrundgesetz ein ergänzendes Dekret, in welchem die Vorschläge für die Universität gutgeheißen werden. Dieses verschärfte weiterhin die Gegensätze. In seinem Brief vom 4. Oktober schrieb Myconius an Bullinger über Karlstadt, den er als einen von bösen Dämonen besessenen Menschen bezeichnete. Der Stadtrat rief am 7. Oktober, die noch immer im Streit miteinander liegenden Parteien zum Frieden auf. In einem Brief, den Grynaeus im Dezember nach Zürich schreibt steht unter anderem: Am liebsten würde ich diesen (neuen) Vorschriften sofort gehorchen und den Triumph völlig meinen Gegnern überlassen, jedoch weiß ich nicht, wie ich dann den Kollegen akzeptieren soll, der auch jetzt schon wegen seiner charakterlichen Zügellosigkeit unfähig ist überhaupt jemanden zu ertragen. Im April des darauf folgenden Jahres wurde ihm der Titel des Professors der Theologie aberkannt, obwohl es für ihn ganz sicher keine besondere Anstrengung bedeutet hätte, diesen Grad zu verteidigen. Trotzdem war er nicht dazu bereit, denn er vermutete hinter der neuen akademischen Ordnung einen seine Person beleidigenden unwürdigen Zwang und für seinen geistigen Tätigkeitsbereich einen einschränkenden Druck zu entdecken. Unter seinen sich mit ihm in Solidarität und Verbundenheit fühlenden humanistischen Freunden ist auch Oporin anzutreffen, der aus ähnlichen Überlegungen heraus davon Abstand nahm den Magistergrad (für die griechische Sprache) zu erwerben, und zusammen mit seinen Freunden, in dem er einen "Berufswechsel" vornahm, die später in ganz Europa bekannte Oporin Druckerei gründete. Karlstadt, um weiterhin die Gemüter zu erregen, verlieh im Oktober 1540 – nach bei ihm erfolgreich abgelegter Prüfung – die Doktorwürde der Theologie an Wolfgang Wissenburg. Der ehemalige Referent der Mathematik übernahm jedoch seinen neuen Lehrstuhl erst nach Grynaeus' Tod.

Die Jahre 1538-39 zeigen, daß nach der Einführung der Reformation in Basel, am Ende des Jahrzehnts eine Situation herangereift war, die zu einem Kräftemessen zwischen der bürgerlichen Denkweise der Humanisten und der Auffassung der Kirche führte. Der Rat der Stadt, der die Vorschläge Karlstadts angenommen hatte, war ebenso ein Kirchengegner, als wenn wir Grynaeus und Myconius als Feinde des Humanismus bezeichneten. Es wurde versucht ihrem Vorgänger Oekolampad, dem Urheber der Basler Reformation, in seiner Liebe zur Kirche und seinen puritanischen Vorstellungen nachzueifern, was natürlich den bürgerlichen, freieren Geist schon damals zur Opposition veranlaßte.

Auseinandersetzungen jedoch gab es nicht nur in Basel. Nach einem hitzigen Disput und Wortwechsel mußte Calvin zusammen mit Farel Genf am 25. April 1538 verlassen. Denn zu Ostern wollten sie nicht jedem Kirchgänger das Abendmahl austeilen, worauf der Stadtrat ihnen das Predigen verbot. Calvin sagte im Zusammenhang mit seinem Fortgang nur soviel, daß er lieber Gott diene, als die Menschen bediene. In seinem Bedürfnis nach Ruhe hielt er sich von Mai bis September in Basel auf. Der durch seine Institution berühmt gewordene Reformator setzte seine Studien fort und bestritt seinen Unterhalt als Privatlehrer, bzw. von anderweitigen Zuwendungen. Die ihn mit Grynaeus verbindende Freundschaft vertiefte sich dabei weiterhin.

Und noch etwas gab es, das Grynaeus half diesen ganzen mit Bitterkeit erfüllten Zeitraum zu verarbeiten. Seine zweite Frau, Katharina Lombard, schenkte 1539 dem 46jährigen Professor einen gesunden Sohn. Groß war die Freude über das erste und einzige Kind, das nicht von ungefähr den Namen Samuel erhielt. Auch machte er seinem Vater keine Schande, er studierte in Basel, Straßburg und Tübingen, wurde später dann in seiner Heimatstadt Professor für Sprach- und Rechtswissenschaften. Ab 1591 war er als Syndikus der Stadt Basel tätig.

XIII. Das Wormser Religionsgespräch

Nicht nur zwischen den Anhängern der Helvetischen, bzw. Lutherischen Glaubensrichtung fanden schon gegen Ende der 30er Jahre Vereinigungsbestrebungen statt, sondern es wurden auch die Katholiken mit einbezogen. 1540 wurden die Gespräche in Hagenau begonnen, dann in Worms fortgesetzt und 1541 auf dem Reichstag zu Regensburg beendet. Während in einigen Fragen (die ursprüngliche Gerechtigkeit, die Erbsünde, die Freiheit und die Rechtfertigung) eine Verständigung erzielt werden konnte, ließen sich die Fragen in Verbindung mit der Kirche, des Heiligen Geistes, der Beichte und der Hierarchie auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. Den Beschluß des Reichstages verkündete Kaiser Karl V. als temporäres Glaubensgesetz (Regensburger Interim). Aus den drei Gesprächen spielte das Wormser in der Verlängerung des Religionsfriedens eine der größten Rollen.

Die Unionsanhänger der Straßburger Reformatoren sandten einen Anruf nach Basel, sie in Worms zu vertreten. Der Stadtrat ernannte daraufhin Grynaeus und den damaligen Rektor der Universität, Amerbach als Abgeordneten. Letztendlich jedoch reiste nur Grynaeus mit einem Begleiter zu der Versammlung. Er war der einzige Vertreter aus dem deutsch-schweizerischen Gebiet. Die Vorbereitungen für die Aussprache wurden mit den Katholiken vom 9-18. September gemeinsam durchgeführt. Anwesend waren Calvin, Melanchthon, Capito und viele andere bekannte Theologen, nur Luther fehlte.

Ganz besonders bewerteten die protestantischen Abgeordneten die Mitarbeit von Grynaeus. Das hatten sie auch in einem Schriftstück ausgedrückt. Möglich, daß sie ihre Grynaeus gegenüber empfundene Solidarität über die früher in Basel stattgefundenen Zwistigkeiten so zum Ausdruck bringen wollten. An den Rat der Stadt Basel war ihr Dankesbrief gerichtet, in dem steht: Und wollen euch nicht bergen, daß sich berührter Grynaeus neben den andern der christlichen religionsverwandten Theologen, so allhier gewesen, dermaßen bewies, daß er von wegen seine Lehre, Geschicklichkeit und christlichem Eifer billig zu loben und werth zu halten, derwegen Ihr ihn in günstigem und freundlichem Befelch zu haben wissen werdet.

Basel war stolz auf seinen Professor, der daraufhin mit Wirkung vom 1. Mai 1541 zum Rektor der Universität gewählt wurde. Bezeichnend ist, daß Karlstadt an dieser Rektorenwahl nicht anwesend war. Bezugnehmend auf seine seelsorgerische Tätigkeit bat er schriftlich bei dem Rektor, Amerbach um seinen Rücktritt. Er schlug für das Amt des Rektors erneut Amerbach oder seinen Schüler Wissenburg vor.

XIV. Grynaeus Tod

Grynaeus war es leider nicht vergönnt, den ehrenden Rektortitel lange zu tragen. Aus der Basler Chronik ist bekannt, daß im Sommer 1541 die Pest in Basel ausbrach, die schon ein Jahr davor in mehreren Städten des Elsaß unzählige Opfer gefordert hatte. Der Basler Chronist berichtet, daß in Straßburg 3.200 Menschen starben, nicht weniger in Colmar, und in Rheinfelden waren es 700. Der schwarze Tod verschonte auch nicht die Einwohner von Basel. Auch Grynaeus fiel ihm am 1. August 1541, 48jährig, zum Opfer. Nachdem sich die Epidemie so viele Opfer geholt hatte, verordnete die Stadt im Oktober, daß alle noch Überlebenden jeden Tag vor Beginn der Arbeit am Bittgottesdienst teilzunehmen und jeden Sonntag gemeinsam zu Gott um Gnade, Barmherzigkeit und Befreiung von der Pest zu beten haben.

Nach Grynaeus Tod ließ die Stadt eine silberne Gedenkmünze prägen, die heute im Basler Museum für Geschichte eine der Sammlungen bereichert. Auch sein Grabdenkmal kann noch besichtigt werden. Im Wandelgang des Münsters, an der Wand des westlichen Ganges ist die sogenannte "Reformatorentafel", die Myconius 1542 zum ewigen Angedenken an die drei herausragenden Gestalten der Basler Reformation anfertigen ließ, zu finden. Links befindet sich das Epitaph für Jacob Meyer, Bürgermeister von Basel, in der Mitte das für Oekolampad, den Urheber der Reformation, und auf der rechten Seite das für Grynaeus, den namhaften Nachfolger, mit der folgenden Aufschrift: Simon Grynaeus, dem Rektor dieser Universität, der Lob und immerwährendes Andenken verdient wegen seiner Vertrautheit mit der lateinischen, griechischen und hebräischen Sprache, wegen der bewundernswerten, unablässigen Erforschung der gesamten Philosophie und wegen der Kenntnisse und praktischen Erfahrung in der wahren Theologie, ist dieses Grab gewidmet. Im Jahre des Heils 1542.

Sein Andenken wurde nicht nur in Basel bewahrt. Seine Freunde Melanchthon, Theodor Béza und Joachim Camerarius bekundeten seiner Person immer großen Respekt. Es gab Dichter, z.B. den Heidelberger Jacob Micyllus und den Staßburger Johann Sapidus, die ihm mit lateinischen Trauergedichten ein Denkmal setzten.

XV. Einige Gedanken über seine theologischen Ansichten

Sehr wahrscheinlich wurde Grynaeus schon in Wien mit der Lehre Luthers bekannt. Möglich, daß er eben wegen der im November 1520 verhängten Sanktionen gegen die sich zu den Ansichten der lutherischen Reformation Bekennenden die österreichische Hauptstadt verließ.

Aus I. Weszprémis Buch Succinta Medicorum Hungariae et Transilvaniae Biographia geht hervor, daß er während seines Aufenthaltes in Ofen seinen Schülern nicht nur die Kenntnisse der griechischen und lateinischen Sprache und Literatur vermittelte, sondern sie auch mit den wichtigsten Thesen aus Luthers Reformschriften bekannt machte. Daher kann sein eigentlicher Anschluß an die Reformation frühestens auf seine letzten Jahre in Wien (1519-1520), spätestens jedoch auf das in Wittenberg verbrachte Jahr (1523) datiert werden.

Sein theologisches Gedankengut wurde weitgehend von seinen philosophischen Erkenntnissen bestimmt. Bis an sein Lebensende war er vertieft in das Lesen, Erklären und Übersetzen der Werke der großen Denker der Antike. Zwischen 1531-1538 ließ er u. a. die gesamten Werke von Platon und Aristoteles griechisch und lateinisch veröffentlichen. Daraus kann gefolgert werden, warum er entgegen der von Luther verkündeten Realpräsenz im Abendmahl lieber die symbolische Abendmahlsauffassung Zwinglis anerkannte. Für die Bedeutung des in den Verkündungsworten vorkommenden “ist“ Verb (estin, est,) ist es daher eher möglich dieses mit dem Wort “sei“ wiederzugeben: …dies sei mein Leib, bzw. …dies sei mein Blut. Nach Zwinglis Argumentation bedeutet das: sollte das “ist“ wörtlich genommen werden müssen, wären wirklicher Leib und wirkliches Blut auch zu sehen und zu schmecken. Unsichtbare Leiblichkeit ist schlicht Unsinn.

Es ist bekannt, daß sich die Reformation aufgrund dieser Ansichten endgültig in den helvetischen und lutherischen Zweig (Guttenberger Abendmahlsdisputation 1525, Marburger Religionsgespräch 1529) teilten. Martin Bucer, der Reformator von Straßburg setzte alle seine Bemühungen daran, die zwei Richtungen zu einem gemeinsamen Verlauf zu bewegen. In den 30er Jahren versuchte er, auf vielfache Art eine Einigung in der Frage des Abendmahls zustande zu bringen. Grynaeus verachtete trotz der verbindenden Freundschaft zu Bucer jeden billigen Kompromiß. In diesem Zusammenhang ist in einem Brief, den er an Blarer geschrieben hatte, zu lesen: Eine Einigung, die nicht auf der vollen Wahrheit beruht, ist keine. Sie trägt die Keime späterer Zwietracht in sich, wenn sie nicht ganz im hellsten Lichte der Wahrheit steht. Zu jener Zeit machten die sich zu den verschiedenen Ansichten Bekennenden einander auch noch Vorwürfe, dennoch vergessen sie niemals ihre gegenseitige Achtung und die Meinung des anderen zu respektieren.

XVI. Zusammenfassung

Simon Grynaeus wird als ein großer Gelehrter angesehen. Es gab nur wenige, die über ein ebenso umfangreiches Wissen in der griechischen Sprache verfügten wie er. Sein Interesse an der Philosophie erstreckte sich auf fast alle Autoren. In der Theologie war er eher Theoretiker als Praktiker. Seine wissenschaftliche Arbeit hatte ein wirklich breites Spektrum. Sie befaßte sich mit dem Allerwichtigsten (womit ein Mensch sich beschäftigen kann), mit Gott, mit dem Menschen und mit der Natur. Sein Wissen war in ganz Europa bekannt, er hatte Schüler aus Italien, England, Polen und Ungarn. Bezeichnend war seine Güte, Frömmigkeit, Einfachheit, Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft und Aufrichtigkeit. Ein sehr geselliger Mensch, der jeden zu nehmen wußte. Hier sollen nur einige Namen erwähnt werden, zu denen er eine nahe Verbindung und Freundschaft pflegte: Erasmus, Melanchthon, Zwingli, Oekolampad, Bullinger, Bucer, Calvin und noch viele andere. Er machte den Namen Grynaeus als erster bekannt, der auch von den späteren Nachkommen in Basel durch drei Jahrhunderte weiterhin berühmt blieb.

XVII. Nachtrag: Berühmte Personen aus der Familie Grynaeus

In diesem letzten Kapitel sollen diejenigen Mitglieder der Familie Grynaeus aufgezählt werden, die ähnlich dem humanistisch-gelehrten Professor berühmt geworden sind, und deren Namen für alle Zeiten in die Geistesgeschichte der Stadt Basel eingegangen sind.

Simon Grynaeus' einziger Sohn Samuel (1539-1599) wurde schon erwähnt. Dieser war ab 1591 als Syndikus der Stadt Basel tätig. Von Samuels zwei Söhnen war Simon [ 2] (1571-1621) Lehrer am Gymnasium in Basel, Jakob Hans [ 1] (1588-1643) Notar eines Kaufhauses.

Simon [ 2] einziger Sohn wieder ein Samuel [ 2] (1595- 1658) war seit 1618 Diakon und dann ab 1631 bis zu seinem Tod Pfarrer an der Kirche St. Leonhard. Unter Samuels [ 2] am Leben gebliebenen Kindern wurde Hans [ 1] (1620-1688) erst Pastor, später Dekan und Vater von sieben Kindern. Von diesen wieder wurde einer, Samuel [ 3] (1655-1706), Pastor. Samuels [ 3] Sohn Hans [ 2] (1705- 1744) war Professor für Theologie und ein berühmter Orientalist, sowie der Mitbegründer des in Basel zu einem Begriff gewordenen “Frey-Grynaeischen Institutes“, das auch eine aus 10.000 Bänden bestehende theologische Bibliothek besaß. Der zweite: Simon [ 3] (1664-1724), der der Großvater des letzten Basler Simon Grynaeus [ 4] (1725-1799) ist. Dieser letzte übersetzte neben französischen und englischen Büchern auch die Heilige Schrift entsprechend dem Geist des Aufklärungszeitalters.

Weite oben wurde schon erwähnt, daß der Gelehrte Grynaeus in seiner Heidelberger Zeit den Sohn seines älteren Bruders Hans Griner, Thomas, der 1512 in Veringendorf geboren wurde, bei sich aufnahm. Der nach Beendigung seiner Studium an der Universität in Bern Professor für Griechisch und Latein wurde, dann ab 1556 bis zu seinem Tod (1564) in dem bei Basel gelegenen Ort Röteln Pastor. Von Thomas` Söhnen war der erste: Theophilus (1534-1583) Pastor in Lörrach, Röteln und Sissach. Der zweite Sohn Simon [ 5] (1539-1582) wählte die Lehrerlaufbahn, in Heidelberg wirkte er als Doktor der Medizinischen Wissenschaften und als Professor für Mathematik, und kam dann aufgrund der Glaubensspannungen nach Basel; dort hielt er, bis zu seinem Tod, als Professor Vorlesungen über Ethik. Der dritte Sohn Hans Jakob [ 2] (1540-1617) erhielt seinen Pfarrbezirkes in Röteln. 1575 kam er nach Basel und wurde Professor für das Alte Testament. 1583 bekam er seinen Ruf nach Heidelberg und wirkte dort ebenfalls als Theologieprofessor. Auch seine schriftstellerische Arbeit ist bedeutend. Mehrere seelsorgerische Schriften (z.B. Trostbüchlein in Pest-zeiten) und zahlreiche Predigten wurden von ihm herausgegeben. Der vierte Sohn Tobias (1545-1587) war Kurator der Kirche St. Peter in Basel.

Grynaeus nahm neben seinem Neffen Thomas auch noch den Sohn seines zweiten Bruders Jakob Griner, Philipp ( 1564), der als anerkannter Bleigießermeister in Basel arbeitete, unter seinen Schutz.

Zum Schluß sei noch erwähnt, daß auch in Ungarn Nachkommen der Familie Grynaeus leben. Darunter der bekannte Neurologe Dr. Tamás Grynaeus, Mitglied der evangelischen Gemeinde in Buda/Ofen.

 

 

 

(Pfr. Árpád Blázy)

Gödöllõ, Ungarn